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„Es geht nicht um die 100% – jeder Beitrag zählt“

„Ich möchte mit meinem Geschäft den Menschen verschiedene Möglichkeiten bieten, in die nachhaltige Lebensführung einzusteigen.
Jeder Schritt ist wichtig, auch wenn vorerst „nur“ auf ein nachhaltiges Geschirrspülmittel umgestiegen wird“. - Heidi Haas

Aus Protest zu dem allgegenwertigen Verpackungswahn bei Hygiene- und Putzartikel hat Heidi Haas „Füllbar“ gegründet. Ihr Geschäft bietet ein Konzept zur Plastikmüllvermeidung. Vom Allzweckreiniger, über den Kalk- und Fettlöser bis hin zum Shampoo und vielem Mehr kann alles nachgefüllt werden.

Wien, 30.11.2019

Was war deine Vision für die Gründung von "Füllbar"?

Das war eine Anhäufung von Gründen. Bei meinen Reisen nach Kuba und Indien, war der Plastikmüll allgegenwärtig. Als Touristin ist man auf Plastiktrinkflaschen angewiesen, diese nachzufüllen und wiederzuverwenden, war mir fast unmöglich.

Als ausgebildete Sozialarbeiterin habe ich mit minderjährigen Mädchen in einer WG zusammengearbeitet. Jede zweite Woche bekamen sie eine neue Ration an Kosmetika und Haushaltsartikel – abgefüllt in kleinen Plastikfläschchen. Auch Geschirrspülmittel wurde extrem viel verwendet und immer nur in handelsüblichen Größen gekauft. Schon da habe ich mich bemüht etwas zu ändern und war teilweise erfolgreich. Das war der erste Schritt in Richtung „Füllbar“.

Während des Ausbildungslerngangs „Pioneers of Change“ wurde dann die Idee geboren nachfüllbare Putz- und Hygieneartikel zu vertreiben. 2015 habe ich ein Unternehmen gegründet und zuerst die Produkte in kleinem Rahmen „à la Tupperware – Party“ vertrieben bis ich mich dann im 7. Bezirk eingemietet habe.

Wie funktioniert "Füllbar" und woher kommen die Produkte?

Die Idee dahinter ist, dass die Verpackung nur einmal gekauft werden muss, und auch die ist bei vielen Produkten aus 100% recyceltem Kunststoff hergestellt. Viele Produkte können aber auch in mitgebrachte Gebinde gefüllt werden.

Die KundInnen kommen mit den leeren Flaschen von Geschirrspülmittel, Allzweckreiniger, Fettlöser oder Waschmittel zu mir, und ich fülle diese im Geschäft nach.

Mit der Zeit sind dann immer mehr „Hilfsprodukte“ dazugekommen, wie regional produzierte Besen und Schaufeln, Putztücher, oder Klobürsten. Mittlerweile biete ich aber auch viele Hygieneartikel an (nachfüllbares Shampoo), Holzkämme, Seifen, etc… Auch eine “Do it yourself” – Schiene gibt es bei mir: da kann man kostengünstig diverse Inhaltsstoffe besorgen und sich dann sein Wasch- und Putzmittel selbst herstellen. Dazu gibt’s dann auch noch mehrere Bücher mit Anleitungen.

Bis auf einige Ausnahmen, kommt eigentlich alles aus Österreich.

Die Bienenwachstücher kommen aus Waidhofen an der Ybbs, die Seifen aus Nieder- und Oberösterreich, die Besen aus dem Burgenland, die Putz- und Geschirrtücher aus dem Mühlviertel, die Wasch- und Putzmittel aus Vorarlberg, die Feinkostartikel sind von den Wiener Firmen „Unverschwendet“ und Bio Balkan. Die Einkaufstaschen sowie nachhaltige Geschenk-Verpackung nähe ich selbst aus Stoffen und Planen, die sich schon im Kreislauf befinden und gebe ihnen so ein weiteres Leben.

Was motiviert dich an deiner Tätigkeit?

Ich möchte Teil des Wandels sein und den Menschen eine Startmöglichkeit bieten.

Es gibt so viele Menschen, die gerne etwas tun würden – aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Oft dominiert der Gedanke „Ich allein kann eh nichts tun!“ Nachhaltiger Konsum ist manchmal „unzugänglich“. Meine Antwort darauf ist: „Fang einfach irgendwo an – jeder Beitrag zählt!“.

Deswegen möchte ich mit meinem Geschäft einfach den Menschen auch unterschiedliche Möglichkeiten bieten. Man kann einmal beim Geschirrspülmittel anfangen und sich von dort aus „weiterhantieren“.

Es gehen nicht 100% auf einmal, bei niemandem - und das ist auch okay so, sonst ist der Druck viel zu stark und man tut doch wieder nichts!

Was bedeutet "Nachhaltigkeit" für dich?

Man muss heutzutage nichts mehr wegschmeißen, das noch funktioniert, nur weil man es nicht mehr haben will!

Bei all den Tonnen, die weggeschmissen werden, da blutet mir richtig das Herz. Klar ist Wiederverwertung ein Aufwand, aber es ist möglich. Ich versuche einfach achtsam mit den Ressourcen umzugehen. Ich veranstalte zum Beispiel gerne Kleidertauschnachmittage im Freundinnenkreis und versuche so viel wie möglich weiterzuverwenden. Ich frag auch immer nach alten Papiersackerln oder Kartons, die ich dann im Geschäft verwenden kann. Die Preisschilder und Gutscheine fertige ich mir dann daraus.

Auch fahre ich wahnsinnig viel und wahnsinnig gerne mit dem Fahrrad. Da kommt es schon einmal vor, dass ich 30kg auf den Gepäcksträger lade und dann Lieferungen bis nach Klosterneuburg austrage.

Was ist wichtig für eine nachhaltige Entwicklung in der Welt?

Wieder mehr im Einklang mit der Natur leben und wirtschaften.

Ein Grundpfeiler wäre einmal ein friedliches Zusammenleben auf der Welt. Vom Krieg oder Armut Betroffene machen sich klarerweise keine Gedanken um ein zu viel verwendetes Plastiksackerl.

Solange es Konzerne gibt, die die Umwelt komplett ausbeuten und nur auf Eigenprofit aus sind, wird es auch nicht dazu kommen, dass alle genug oder ausreichend haben. Das schafft Unruhe, Unfrieden und Unzufriedenheit. Solange es diese Akteure gibt, die den „Hals einfach nie vollkriegen“, wird es auch immer welche geben die zu wenig haben, obwohl allgemein genügend Ressourcen vorhanden wären, und zwar für alle! Und auch gäbe es noch ausreichend, wenn alles nachhaltig produziert werden würde!

Auf individueller Ebene geht es nicht darum, sofort sein Leben 100prozentig umzustellen. Jedes Prozent zählt und Kleinigkeiten bringen sehr wohl etwas! Manchmal geht es sich einfach nicht aus, und das ist auch in Ordnung. Man sollte ehrlich zu sich sein und in dem Bereich agieren, der sich auch gut in den Alltag integrieren lässt!

Es macht einen Unterschied ob sich 7Mio. Menschen denken „Es bringt eh nichts!“ oder 7Mio. Menschen 10Prozent geben! Damit wäre schon viel gewonnen.

Jeder Beitrag hilft!

Interview-Autorin: Isabella, EcoMap Vienna